

[uv]magazin: Viele Auszubildende sind unsicher in ihrer Rolle im Unternehmen – woran machen Sie das fest, und mit welchen konkreten Methoden unterstützen Sie sie dabei, sich sicherer zu orientieren und einzubringen?
Dr. Katharina Thöne: Der Einstieg in das Berufsleben ist für viele Auszubildende eine Phase großer Veränderungen. Sie bewegen sich erstmals in einem professionellen Arbeitsumfeld, müssen neue Erwartungen erfüllen und gleichzeitig ihren Platz im Unternehmen finden. Unsicherheit äußert sich dabei häufig nicht durch mangelnde Motivation, sondern durch Zurückhaltung, die Sorge, Fehler zu machen, oder die Schwierigkeit, Prioritäten zu setzen und Verantwortung zu übernehmen.
Aus meiner Sicht benötigen Auszubildende vor allem Orientierung und Klarheit. Dazu gehören transparente Erwartungen, nachvollziehbare Strukturen und eine Unternehmenskultur, in der Fragen ausdrücklich erwünscht sind. Wer versteht, welchen Beitrag die eigene Arbeit zum Gesamterfolg leistet, entwickelt schneller Sicherheit und Eigeninitiative.
Hilfreich ist es außerdem, junge Menschen früh darin zu unterstützen, ihre Arbeit bewusst zu strukturieren, ihre Aufgaben zu priorisieren und ihre eigenen Stärken zu erkennen. Gute Selbstorganisation ist weit mehr als Zeitmanagement – sie schafft Orientierung und stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ebenso wichtig ist eine konstruktive Fehlerkultur. Fehler sollten als Teil eines Lernprozesses verstanden werden. Das fördert Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen.
[uv]magazin: Das Thema „Generationen im Arbeitsalltag“ beschäftigt viele Betriebe: Welche Reibungspunkte zwischen jungen Mitarbeitenden und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen sehen Sie – und welche praktischen Tipps geben Sie für eine bessere Zusammenarbeit?
Dr. Katharina Thöne: Der Begriff „Generationenkonflikt“ greift häufig zu kurz. In der Praxis entstehen Missverständnisse meist weniger aufgrund unterschiedlicher Werte als vielmehr aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen, Kommunikationsstile und Erwartungen an die Zusammenarbeit.
Jüngere Mitarbeitende wünschen sich häufig regelmäßiges Feedback, Transparenz und die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen legen hingegen größeren Wert auf Eigenverantwortung, bewährte Abläufe und das Lernen durch praktische Erfahrung. Beides ist nachvollziehbar – entscheidend ist jedoch, diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.
Eine gute Zusammenarbeit entsteht dort, wo gegenseitige Wertschätzung gelebt wird. Das setzt voraus, dass beide Seiten bereit sind zuzuhören und voneinander zu lernen. Unternehmen können diesen Austausch gezielt fördern, etwa durch regelmäßige Feedbackgespräche, generationenübergreifende Zusammenarbeit oder Mentoring-Formate. Erfahrung und neue Perspektiven sind kein Gegensatz, sondern ergänzen sich. Wenn dies gelingt, profitieren letztlich alle Beteiligten.
[uv]magazin: Resilienz wird immer wichtiger – gerade für junge Mitarbeitende: Wie vermitteln Sie Strategien, die im Arbeitsalltag wirklich angewendet werden können?
Dr. Katharina Thöne: Resilienz wird häufig mit Belastbarkeit gleichgesetzt. Tatsächlich geht es aber um die Fähigkeit, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben und mit Veränderungen konstruktiv umzugehen. Gerade Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger stehen heute vor einer Vielzahl neuer Anforderungen – fachlich, organisatorisch und persönlich.
Nachhaltig wirksam werden Strategien dann, wenn sie sich unkompliziert in den Arbeitsalltag integrieren lassen. Dazu gehört beispielsweise, die eigenen Belastungssignale frühzeitig wahrzunehmen, Aufgaben bewusst zu priorisieren, realistische Ziele zu setzen und regelmäßige Phasen der Erholung einzuplanen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Rückschläge als Lerngelegenheiten einzuordnen, anstatt sie als persönliches Scheitern zu bewerten.
Aus wissenschaftlicher Sicht wissen wir, dass Resilienz keine angeborene Eigenschaft ist, sondern ein stetiger Lernprozess ist. Dazu tragen sowohl individuelle Kompetenzen als auch das Arbeitsumfeld bei. Meines Erachtens spielen Führungskräfte dabei eine wichtige Rolle: Sie schaffen Orientierung, geben konstruktives Feedback und fördern eine Kultur, in der Lernen, Offenheit und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich sind. Resilienz ist deshalb nicht allein eine persönliche Fähigkeit, sondern auch Ausdruck einer gesunden Unternehmenskultur.


