Interview

Digitale Schule: Corona als Katalysator?!

Ein Gespräch mit der Duisburger Lehrerin Nina Toller über die Situation in den Schulen

Mit dem Virus kam Anfang März auch die bittere Erkenntnis: Deutschlands Schulen sind so gar nicht digital. Als Klassenzimmer und Schulhöfe zugesperrt werden mussten, wurde auch die Verbindung zwischen Lehrern und Schülern gekappt. Statt Gruppenarbeit in Sozialwissenschaften hieß es plötzlich für Eltern und Kinder: Homeschooling. Das neue Trendwort bekam allerdings schnell einen faden Beigeschmack, denn viele Eltern fühlten sich von Schulen und Lehrern alleingelassen. Nun mussten sie ihren Kindern Algebra, Grammatik und Vokabeln beibringen und parallel Haushalt und Job meistern – häufig ohne oder nur mit wenig Unterstützung der Schulen.

Derweil zeigte sich auf Schul- und Lehrerseite eine große Spannbreite: von komplett fehlender digitaler Expertise bis hin zu Vorreitern, die schon seit Jahren trotz aller Widrigkeiten versuchen, eine moderne technische Infrastruktur zu etablieren und digitale Konzepte für die Schule der Zukunft zu entwickeln.

Nina Toller ist es gewohnt, das private Macbook mit in die Schule zu bringen, lokale WLAN-Netze aufzubauen und neue Elemente in ihren Unterricht einzubauen. Sie gilt laut dem IT-Magazin t3n als eine der digitalsten Lehrkräfte Deutschlands. Seit acht Jahren ist Toller Lehrerin am Franz-Haniel-Gymnasium in Duisburg für die Fächer Geschichte, Englisch, Latein und Informatik. Außerdem ist sie seit kurzer Zeit auch Digitalisierungsbeauftragte der Schule. Seit 2016 betreibt sie ihren eigenen Blog www.tollerunterricht.com, schult andere Lehrkräfte in Sachen Digitalisierung, gibt Workshops und hält Vorträge.

 

[u!]: Das Thema digitale Schule ist derzeit in aller Munde. Politiker überbieten sich mit Vorschlägen, wie die Schule der Zukunft auszusehen hat und wie man trotz Corona nach den Sommerferien einen vernünftigen Unterricht hinbekommt. Das Virus scheint ein echter Katalysator für die Digitalisierung des deutschen Schulsystems zu sein.

Nina Toller: Das ist es auch, keine Frage! Allein, was sich in den letzten Wochen für Lerneffekte auf allen Seiten, vor allem bei den Lehrkräften, ergeben haben, ist wunderbar!Ich befürchte aber ein bisschen, dass überschätzt wird, was am Ende dabei wirklich übernommen wird. Die Defizite sind groß und über Jahre gewachsen. Da ist zum einen die mangelhafte digitale Infrastruktur in vielen Schulen, zum anderen fehlt es an wirklich digitalen Konzepten.

[u!]: Aber hat nicht der Digitalpakt Schule aus dem vergangenen Jahr zumindest als monetärer Anstoß gewirkt, so dass die Schulen jetzt wissen sollten, in welche Richtung sie sich bewegen müssen?

Toller: In vielen Schulen stellte und stellt sich die Frage: Was machen wir zuerst? In die Technik oder in die digitale Kompetenz der Lehrer investieren? Das ist ein richtiger Teufelskreis: Bilden wir als erstes die Lehrerinnen und Lehrer fort, sind sie demotiviert, dass sie die erlernten Ansätze an ihren Schulen nicht umsetzen können. Statten wir die Schulen allerdings erst mit Technik aus, ohne die Lehrer mit ins Boot zu holen, weiß keiner, was pädagogisch alles möglich und sinnvoll ist. Eigentlich hätten mit dem Digitalpakt Berater ausschwärmen müssen, die die Schulen zu den schier unübersichtlichen Möglichkeiten beraten.

[u!]:Das hört sich nach einer desillusionierten Digitalisierungsbeauftragten an…

Toller:Nein, das nicht, ich bin ein grundsätzlich positiv und optimistischer Mensch (lacht). Aber man wurschtelt sich an vielen Stellen halt so durch. Aber es gibt ja auch viele positive Signale: Die Stadt Duisburg hat sich als Schulträger entschieden, das Geld aus dem Digitalpakt in die technische Infrastruktur zu investieren. Breitbandanschlüsse sollen also schon bald die Regel an allen Schulen sein. Bleibt die Frage, wie schaffen wir es, alle Lehrerinnen und Lehrer, alle Schülerinnen und Schüler mit Laptops oder Tablets auszurüsten? Dafür bleibt vom Geld des Digitalpakts nämlich nicht mehr viel übrig, wenn es in die notwendige Infrastruktur fließt. Die vergangenen Wochen haben dennoch gezeigt, dass die Ausstattung zu Hause ein sehr wichtiger Faktor ist. Wer daheim keinen Zugang zu einem Rechner hat, hat bei vielen Aufgaben ein riesengroßes Problem.

[u!]: In solchen Fällen kann Homeschooling nicht funktionieren. Und alles deutet ja darauf hin, dass die Schüler auch nach den Sommerferien zu einem gewissen Anteil von daheim aus lernen müssen.

Toller: Der BegriffHomeschooling gefällt mir sowieso nicht so richtig. Denn in der Tat ist es nicht Aufgabe der Eltern, die Kinder zu unterrichten. Das ist unsere Pflicht als Lehrer! Wir müssen also schnellstmöglich zusehen, dass die Verbindung zu den Schülern auch dann funktioniert, wenn sie nicht in der Schule unterrichtet werden können. Wir müssen dafür sorgen, dass der Mix aus Fern- und Präsenzunterricht bestmöglich funktioniert. Mit iServ haben wir in Duisburg eine echte digitale und datenschutzkonforme Lernplattform – das ist ein ganz wichtige Grundlage mit großem Potenzial.

[u!]: Wie kann man das weitere Potenzial heben?

Toller: Zunächst müssen wir aus den ganzen rechtlichen Graubereichen raus, zum Beispiel beim Datenschutz. Wenn Lehrer in NRW ihre Klassen zu Videokonferenzen einladen, wird es schon heikel, Stichwort DSGVO. Da helfen dann auch keine abschreckenden Briefe von Schulaufsichtsbehörden, in denen auf die Auftragsdatenverarbeitung hingewiesen wird. Das ist zwar völlig richtig, doch muss man gerade in dieser Krise Augenmaß haben, wie auch die Datenschutzbeauftragten selbst fordern.  Wir brauchen klare Hilfestellungen und Vorgaben vom Land, die uns planen und arbeiten lassen. Das gilt besonders für das nächste Schuljahr: Wir benötigen jetzt Entscheidungen und Dienstanweisungen, damit wir genug Zeit haben, für den August Konzepte zu entwickeln und uns vorzubereiten. Viele haben zuletzt den Kopf geschüttelt, weil einiges rund um die Schulöffnungen sehr ruckelig gelaufen ist. Das lag aber nicht an der Unfähigkeit von Schulleitungen und Lehrkräften, sondern am extrem kurzen Vorbereitungszeitraum. Klar, auch das Land musste und muss sehr kurzfristig auf neue Entwicklungen reagieren, die dann erst wieder an die Schulen weitergegeben werden können. Ich würde mich aber freuen, wenn wir eine Grundlage zum Planen hätten.

[u!]:Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen in den kommenden Wochen und Monaten?

Toller: Wir brauchen Konzepte, wie wir Fern- und Präsenzunterricht bestmöglich kombinieren können. Da gibt es schon viele tolle Ansätze und ich merke, wie die Schüler auch mitziehen. Nur ein Beispiel: Gruppenarbeit in der Schule ist auf absehbare Zeit wegen der Distanzregeln nicht möglich. Im Videokonferenzdienst Zoom funktioniert Gruppenarbeit dagegen bestens. Das melden auch die Schüler zurück.

Dann müssen die Voraussetzungen der einzelnen Schulen angeglichen werden, das geht noch sehr stark auseinander. Die Lehrer brauchen umfassende Weiterbildungen und wie die Schüler entsprechendes technisches Equipment. Bei Twitter habe ich vor ein paar Tagen von einer Schule gelesen, die langfristig online bleiben und vor Ort eine Study Hall einrichten will. Wenn die Schüler daheim keinen Zugang zu einem Rechner haben, können sie in die Schule kommen, um am Fernunterricht teilzunehmen. Hört sich zunächst komisch an, ist aber ein sehr wichtiges Element, damit alle die gleichen Chancen haben. Neben den Schülern müssen wir natürlich die Eltern mitnehmen, da braucht es Transparenz und viel Kommunikation.

[u!]: Also ist das Virus doch ein recht großer Schub für die digitale Schule?

Toller: Es hat wirklich die großen „digitalen Defizite“ aufgezeigt. Und es zwingt uns, zu handeln, weil es unser Leben noch lange beeinflussen wird. Wenn früher Defizite offensichtlich wurden, waren alle erschrocken, haben sich mit Ideen und Vorschläge überboten – und dann meist doch im Großen und Ganzen wie bisher weitergemacht. Das ist dieses Mal anders, schätze ich, allein weil ich mir vorstellen kann, dass auch die Schülerschaft mehr einfordern wird. Insofern Schub und Katalysator ja, gemeinsam haben wir alle aber noch einiges zu tun.