Junge Unternehmer-Generation fordert innovative Lösungen für eine zukunftsfähige Tarifpolitik

Der neue Metallverbands-Vorsitzende Wim Abbing setzt auf differenzierte Modelle und Öffnungsklauseln

Seit Ende Mai 2009 ist Wim Abbing (42) Vorstandsvorsitzender des traditionsreichen Unternehmerverbandes der Metallindustrie Ruhr-Niederrhein UVM. Als Geschäftsführer der stark exportorientierten PROBAT-WERKE von Gimborn Maschinenfabrik GmbH in Emmerich fordert er im Interview in der jüngst erschienenen Verbandszeitung [unternehmen!] eine zukunftsfähige Tarifpolitik, damit die hiesigen Unternehmen international wettbewerbsfähig bleiben.

Das Interview im Wortlaut:

[u!]: Auftragseingänge und Produktion in der Metall- und Elektroindustrie liegen aktuell immer noch rund 25 Prozent unter den Vorjahreswerten – einigen Branchen sogar doppelt so viel. Die Inlandsaufträge haben gerade leicht angezogen,  während die Bestellungen aus dem Ausland weiterhin auf sich warten lassen. Das sieht nach einem sehr langen Gesundungsprozess aus. Wann, glauben Sie, werden wir frühestens die Krise in der M+E-Industrie überwunden haben? Und welche Voraussetzungen gibt es dafür?

Abbing: Die M+E-Industrie ist zu heterogen, um diese Frage pauschal beantworten zu können. Während ich aus einigen Bereichen unserer Branche Zeichen der Entspannung vernehme, sind andere Unternehmen noch vollständig im Griff der unverschuldeten Krise. Der Maschinen- und Anlagenbau, der einen Großteil der M+E-Industrie in Nordrhein-Westfalen ausmacht, liegt gegenüber dem Vorjahr immer noch bei in etwa halbierten Auftragseingängen. Die Automotive Industrie zeigt abhängig von den Zielmodellen (Kleinwagen versus Premium) ein uneinheitliches Bild mit zum Teil noch deutlich negativeren Zahlen. Ob und inwieweit für die Investitionsgüterhersteller die Talsohle durchschritten ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Dann sind die Budgetsitzungen unserer Kunden gelaufen und wir bekommen ein besseres Bild über die Investitionsbereitschaft.

[u!]: Bisher haben sich viele Unternehmen mit Überstundenabbau, vorgezogenem Urlaub, Abbau der Zeitarbeit und vor allem mit Kurzarbeit über die Runden gerettet. Die Beschäftigtenzahlen sind aber dennoch bereits gesunken. Wird die Krise in den nächsten Monaten weitere Arbeitsplätze kosten?

Abbing: Ich bin der festen Überzeugung, dass sich einige Unternehmer noch in einer gewissen Schockstarre befinden. Ein Minus von 50 Prozent im Auftragseingang ist für uns alle ein nie dagewesener Zustand. Sofern die Investitionsbereitschaft nicht ganz kurzfristig anspringt, werden einige Unternehmen allein mit Kurzarbeit diese Krise nicht bewältigen können. Daher gehe ich für die nächsten Monate von steigenden Arbeitslosenzahlen aus.

[u!]: Andererseits ist ja zu erkennen, dass selbst Betriebe mit geringer Auslastung mit aller Kraft versuchen, ihre Fachkräfte zu halten. Und aus den Boomzeiten wissen wir, dass ein Drittel der Unternehmen ihre Fachleute nicht mehr aus dem Arbeitsmarkt schöpfen konnten. Ist die nächste Fachkräftekrise also nur aufgeschoben?

Abbing: Das ist die andere Seite der Medaille. Wir alle wissen, wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte sind und haben in den letzten Jahren gelernt, dass es oftmals schwierig ist, einmal abgebaute Arbeitsplätze neu zu besetzen. Hier wird sich jeder Unternehmer sehr genau überlegen, ob er die Kraft hat, die Krise ohne Reduzierungen zu überstehen, um für die nächste Phase gerüstet zu sein.

[u!]: Das neue Ausbildungsjahr hat gerade begonnen. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, aber die Bundesagentur für Arbeit spricht davon, dass die Ausbildungsplatzangebote nicht wesentlich hinter denen in der Boomphase 2007 zurückbleiben. Ist das allein mit der Erkenntnis des demographischen Wandels zu erklären – oder steckt auf gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein dahinter?

Abbing: Es ist beruhigend, dass noch 80 bis 90 Prozent der UVM-Betriebe das Ausbildungsplatzangebot beibehalten beziehungsweise noch ausweiten wollen. Die Ausbildung und Berufsförderung junger Menschen liegt uns seit jeher am Herzen und ist Grundlage für die Entwicklung unserer Unternehmen. Allerdings darf es mit der Ausbildung nicht aufhören. Weiterbildung und Qualifizierung ist im gesamten Arbeitsleben ein Schlüssel für die Zukunft. Es sollten allerdings tarifvertragliche Regelungen geschaffen werden, die deutlich machen, dass Qualifizierung nicht allein ein Thema der Arbeitgeber ist sondern auch im Interesse der Arbeitnehmer ist und diese sich in angemessener Weise an den Kosten beteiligen sollten.

[u!]: Kürzlich haben Sie einiges Aufsehen in den Medien erregt, als sie forderten, man müsse sich „ernsthaft Gedanken um die 35-Stunden-Woche“ in der M+E-Industrie machen. Diese Norm mache „keinen Sinn mehr.“ Was ist eigentlich so ketzerisch an diesen Überlegungen, wenn wir zugleich wissen, dass in der Praxis ohnehin seit langem 40 Wochenstunden gang und gäbe sind? Und was stört Sie am jetzigen Verfahren, mit dem Abweichungen von den Tarifvertrags-Standards betriebsbezogen vereinbart werden können?

Abbing: Die M+E-Industrie ist eine der letzten Branchen, in der der Grundsatz der 35-Stunden-Woche gilt. Allerdings weichen bereits viele Unternehmen davon ab und haben durch individuelle Vereinbarungen längere Arbeitszeiten vereinbart. Diese grundsätzlich zu begrüßenden „Ausnahmen“ zeigen aber sehr deutlich, wie überholt die Regelung ist. Flächendeckend werden mit entsprechendem Aufwand Verhandlungen vorbereitet, durchgeführt und abgeschlossen. Der Begriff „Verhandlungen“ weist schon darauf hin, dass die IG Metall grundsätzlich Gegenleistungen fordert. Der Flächentarif ist aber gerade deshalb so wichtig, weil die Unternehmen nicht individuell mit der Gewerkschaft und der Arbeitgeberseite verhandeln müssen.

[u!]: Die IG Metall verweist unter anderem auf die „hohe symbolische Bedeutung“ der 35-Stunden- Woche für die Gewerkschaft. Das sieht nach einem harten und langen Ringen aus, oder?

Abbing: Ich weiß, dass ich mit meinen Vorstellungen noch dicke Bretter bohren muss. Selbst in unseren eigenen Reihen kenne ich Stimmen, welche auch hier eine zurückhaltende Verhandlungsführung begrüßen. Ich glaube aber, dass wir uns langsam im deutschen – aber auch und gerade im internationalen – Umfeld mit dieser Regelung von gesunden Rahmenbedingungen abkoppeln. Vielleicht sind Öffnungsklauseln für die Mitgliedsunternehmen mit betrieblichen Konfliktlösungsmechanismen ein geeigneter, vorübergehender Ansatz.

[u!]: Für andere Modelle wie etwa Lebensarbeitszeit-Konten scheint die jetzige Krise nicht viel Nährboden zu bieten. Glauben Sie dennoch daran, dass dieses Thema in den nächsten Jahren Priorität gewinnen kann? Und: Welche großen Hindernisse müssten dafür noch aus dem Weg geräumt werden?

Abbing: Grundsätzlich sind Langzeit- und Lebensarbeitszeit-Konten ein hervorragendes Mittel, um die von den Unternehmen geforderte Flexibilität der Mitarbeiter mit den individuellen Vorstellungen zu vereinbaren. Daher glaube ich, dass wir uns gerade in der jetzigen Phase auch mit Blick auf die Auffüllung von „Rentenlücken“ mit diesem Thema auseinandersetzen sollten. Allerdings gibt es für einige Fragestellungen noch keine hinreichenden Lösungen. So stellt sich die Frage, ob diese Konten in Geld oder in Zeit geführt werden – und wir benötigen eine tragfähige Lösung hinsichtlich Portabilität der Konten.

[u!]: Die nächste Metall-Tarifrunde rückt näher – was sollte aus Ihrer Sicht im Mittelpunkt der Verhandlungen aus Arbeitgebersicht stehen?

Abbing: Ich gehe nicht davon aus, dass wir für die gerade angesprochenen Themen – 35-Stunden-Woche sowie Lebensarbeitszeit-Konten – in der nächsten Tarifrunde eine abschließende Vereinbarung erzielen können und erwarte eine sehr moderate Gehaltsteigerung mit flexiblen Elementen sowie Escape-Klauseln für Betriebe, die sich Erhöhungen nicht oder nur auf Kosten der Arbeitsplätze leisten können. Darüber hinaus ist das Thema Rentenlücke immer noch und immer wieder aktuell, so dass wir im Sinne unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über weitere Modelle zur Alterssicherung reden sollten.

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