RHEDE | Wenn die Babyboomer nun zunehmend in den Ruhestand gehen, denken wir als erstes an die Sozialsysteme, in denen eine riesige Finanz-Lücke aufgefangen werden muss. Eine eher stille Krise betrifft die mittelständische Wirtschaft: In den kommenden zehn Jahren stehen laut IHK NRW hierzulande rund 300.000 Familienunternehmen mit knapp zwei Millionen Beschäftigten vor einem Generationenwechsel (s. Infobox). Die Suche nach einer geeigneten Nachfolge gestaltet sich zunehmend schwierig.


[uv]magazin: In der Nadelfabrik Max Müller läuft gerade der Übergang in die fünfte Familiengeneration. Lag das für Sie beide immer schon auf der Hand?
Frank Albers: Nach meinem Maschinenbau- und Wirtschaftsstudium habe ich das Familienunternehmen von meinen Eltern übernommen. Wir beschäftigen heute rund 20 Mitarbeiter, überwiegend als Maschineneinrichter, Zerspaner und angelernte Kräfte. Im Laufe der Jahre habe ich die Anteile von den Mitgesellschaftern, bis auf einen, gekauft und auf die Familie konzentriert.
Christin Albers-Nießing: Ich habe hier, schon mit 15 Jahren, als Ferienjobberin gearbeitet und zu meinen Großeltern gesagt, die Firma möchte ich von meinem Vater übernehmen. Es fühlt sich wie meine Berufung an.
Mein Vater und ich teilen uns das thematisch auf: Er kümmert sich – daher rührt übrigens unser Firmenname seit 1911 – um die Nadeln, mit denen Cord geschnitten wird. Und ich mache schwerpunktmäßig das in den 1990er-Jahren gestartete Geschäft mit den Distanz- bzw. Passscheiben.


[uv]magazin: Wie kommen Sie mit dieser Rolle klar: Also in einer technischen Männerdomäne und zugleich als Frau, die gerade mal 30 Jahre jung ist und eine Familie gegründet hat?
Christin Albers-Nießing: Auch wenn ich jung und eine Frau bin und mich einige Mitarbeiter schon als Kind kannten, herrscht gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Es macht Spaß zusammen zu arbeiten und sich gemeinsam neuen Herausforderungen zu stellen.
Dass ich unmittelbar nach dem Mutterschutz wieder in Vollzeit eingestiegen bin, war nur möglich, weil mein Mann Thomas Nießing – selbst Projektleiter im Maschinenbau – unsere einjährige Tochter in seiner Elternzeit betreut. Ohne diese Unterstützung wäre der Übergang deutlich schwieriger.
[uv]magazin: In einer solchen Nachfolgekonstellation gibt es auch großes Konfliktpotenzial. Wie vermeiden Sie dieses?
Frank Albers: Neben der Aufteilung der beiden Geschäftsfelder lege ich viele neue Themen vertrauensvoll in die Hände meiner Tochter. Wir bereiten aktuell die Qualitätsmanagement Zertifizierung der ISO 9001 vor. Dies steht in der Verantwortung meiner Tochter. Solche Aufgaben gebe ich inzwischen gerne ab.
Christin Albers-Nießing: Ich schätze das Wissen und die vielen guten Ideen meines Vaters. Auch digital hat er sich super eingearbeitet. Wir profitieren heute davon, weil Warenwirtschaft und Buchhaltung top aufgestellt sind. Reibung entsteht bei uns eigentlich nicht, weil wir immer offen miteinander sprechen können – nicht ohne Grund sitzen wir in einem gemeinsamen Büro vis-à-vis.
[uv]magazin: Aus der Gründungszeit stammt der Branchenschwerpunkt in der Textilindustrie…
Frank Albers: Genau. Wir stammen ursprünglich aus Dresden, sind dann 1949 mit unserem Unternehmen nach Rhede gezogen, weil hier unsere großen Kunden ansässig waren.
Unsere Nadeln werden in der Cordproduktion eingesetzt: Sie führen das Kreismesser durch die geschlossenen Rippen des Rohgewebes, um diese zu öffnen. Danach wird der Stoff weiterbearbeitet, um Optik und Griff zu erzielen.
Heute gibt es in Deutschland nur noch zwei Firmen zur Herstellung von Cordstoff, deshalb exportieren wir die Nadeln auch international, z. B. in die Türkei, nach Indien oder Pakistan. Das Geschäft ist allerdings sehr volatil.
[uv]magazin: Ein Grund für Sie, in den 1990er-Jahren ein weiteres Standbein aufzubauen?
Frank Albers: Ja. Wir begannen damit, Distanz- und Passscheiben zu fertigen. Ein B2B-Geschäft mit dem Maschinenbau: z.B. Gehäuse- und Wellenlager werden so ausgeglichen. Das lässt sich mit Unterlegscheiben vergleichen, wobei ich sage: Wir haben die exquisitesten Unterlegscheiben nicht nur Made in Germany, sondern Made in Rhede.
Christin Albers-Nießing: Das funktioniert dann auch international! Wir arbeiten zum einen sehr schnell und flexibel, zum anderen sehr individuell: Unsere Scheiben können von 0,05 mm „Dünne“ bis 5,00 mm „Dicke“ gefertigt werden – und in Größen von einem Innendurchmesser von 1,5 mm bis zu einem Außendurchmesser von fast einem Meter. Die Toleranzen sind (ähnlich) DIN 988. Die Materialien können Stahl, Edelstahl aber auch in speziellen Fällen Kupfer oder Messing sein. Über Anfragen freuen wir uns generell.
[uv]magazin: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Frank Albers: Ich freue mich auf den Ruhestand: reisen, das Großvater-Dasein genießen, aber natürlich auch weiterhin unterstützend tätig sein.
Christin Albers-Nießing: Ich möchte das Unternehmen langfristig und verlässlich weiterführen, um unsere bestehenden und zukünftigen Kunden weiterhin zuverlässig beliefern zu können. Unsere Eigenständigkeit und Unabhängigkeit als kleines mittelständisches Familienunternehmen sollen dabei unbedingt bewahrt bleiben.
Das Interview führte Jennifer Middelkamp.
Infobox
Unternehmensnachfolge Deutschland (2025)
- 215.000 Unternehmen haben Nachfolgebedarf
- 231.000 Unternehmen planen wegen fehlender Nachfolge die Schließung
- 54 Prozent der Unternehmer sind über 55 Jahre
- 15–25 Prozent Frauenanteil bei Unternehmensnachfolgen
- 4:1 ist das Verhältnis Angebot zu Nachfrage bei Nachfolgen z. B. im Gastgewerbe
Familienunternehmensnachfolge NRW (2025)
- 305.000 Familienunternehmen haben Nachfolgebedarf
- 1,8 Mio. Beschäftigte arbeiten in diesen Unternehmen
- 25 Prozent Anteil der Unternehmer über 60 Jahre
Quellen: KfW, IHK NRW, DIHK / Zahlen von MS Copilot zusammengestellt.


Der Herstellungsprozess von Cord – Schritt für Schritt und mit den Produkten aus Rhede
- Das Weben (Grund- und Florschuss):
Cord wird mit zwei Sätzen von Schussfäden gewebt.- Grundschuss: Bildet zusammen mit den Kettfäden das stabile Basisgewebe (Leinwand- oder Köperbindung).
- Florschuss: Diese zusätzlichen Fäden werden locker über mehrere Kettfäden hinweg eingewebt, sodass sogenannte „Flotten“ (lockere Fadenbrücken) entstehen.
- Das Vorbereiten (Cordschneiden):
Nach dem Weben liegt der Stoff noch glatt vor. Die Rippen entstehen erst durch das Aufschneiden dieser Florschussfäden. Dies geschah früher in mühsamer Handarbeit und erfolgt heute meist maschinell. - Einsatz der Cordnadeln:
Um die Schussfäden präzise zu treffen, werden lange, sehr dünne Cordnadeln in die „Rohre“ (die hohlen Gassen unter den Florschussfäden) eingeführt. Diese Nadeln dienen als Führungsschiene und heben die Florschussfäden leicht an, damit das Messer nur diese und nicht das Grundgewebe beschädigt. - Das Aufschneiden mit dem Cordschneidemesser:
Das Cordschneidemesser (oft ein Kreismesser oder ein spezielles Handmesser) läuft in der Führung der Cordnadel. Es schneidet die Florschussfäden genau in der Mitte der Brücke auf. Die aufgeschnittenen Fadenenden stellen sich auf und bilden den späteren Flor. - Veredelung (Bürsten und Waschen):
Nach dem Schneiden wird der Stoff intensiv gebürstet, damit sich die aufgeschnittenen Fäden gleichmäßig aufstellen und die typischen runden Rippen (Wales) bilden. Durch Waschen und Veredeln wird der Flor fixiert und erhält seinen weichen Griff.
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Jennifer Middelkamp
Pressesprecherin
Regionalgeschäftsführung Kreise Borken | Kleve

